Archive für 28.7.2008

Real Stuff

Ich hoffe Ihr seid in Nizza und Luise bald wohlbehalten bei Ihrer Mittelmeerkreuzfahrt angekommen. Ich tummele mich weiter in deutschen Landen auf den “echten” Spuren des 19.Jhd’s.

Nachtrag zum Rakoczi Fest: die Main Post schreibt: “Fünf Wittelsbacher und 40 000 Gäste beim Rakoczi-Festzu in Kissingen.” Einige ältere Herrschaften mussten w.g. Hitzschlag von den Sanitätern behandelt werden, es gab auch einige, etwas harmlosere Schlägereinen am Rande - welch eine Überraschung?! - Alkohol war im Spiel.

Die Kurgästin hatte sich derweil an exclusiveren Orten dem 19. Jahrhundert angenähert.

Zunächst  habe ich mir im Georg Schäfer Museum in Schwienfurt die Doppelausstellung ‘Wilhelm Busch und Carl Spitzweg’ genehmigt. Die Gegenüberstellung gerät in Teilen sehr oberflächlich “Beide waren starke Raucher”, führt jedoch zu einer Schärfung des Blicks zugunsten Spitzwegs. Wilhelm Busch ist in der Kunst wesentlich moderner, er zeichnet Bilderfolgen, also Sequenzen, in denen er bis zum Sarkasmus auserzählt. Z.B. ist eine Bilderfolge der Bergwanderung eines Fräuleins gewidmet - diese ersteigt die Alm im Krenolinenrock - der Widder greift Sie an, am Boden liegend hörnt der Widder das Gestell, anschließend findet der Storch das starre Unterkleid und verwendet es für den Nestbau. Natürlich lustig weil dieses Wochenende einige moderne Krenolinenröcke durch den Kissinger Kurpark spazierten. Es gibt bei Busch die Bildergeschichte, die bis zum Schwarzen Humor führt; so beispielsweise der eingefrorene Junge der im Weckglas, als aufgetautem Wasser mit drei +++ versehen, im Regal endet. Spitzweg, der eindeutig differenziertere Maler, bleibt noch dem ‘Fluchtbaren Augenblick’ verhaftet; konventionell, statischer. In der Gegenüberstellung wird jedoch der Humor deutlicher und die eigenständige erzählerische Leistung sichtbar. Spitzweg ist viel distanzierter, lebt mehr von der Beobachtung, der Blick ist im 19. Jahrhundert verankert. Immer ist jedoch die Szenerie irgendwie gerade nicht glatt, nicht geschmeidig, nicht propper; der Putz bröckelt ab, der Weg ist schlammig, die Jacke verschlissen u.s.w.

Im Georg Schäfer Museum ist schwerpunktmäßig die Malerei des 19. Jhd’s vertreten, so wurden in der Sonderausstellung nur einige der Spitzwegs aus dem Bestand gezeigt, im Stockwerk darüber fanden sich - welche Überraschung - noch weitere, mindestens 20  kleine, in Öl aud Zigarrenkistenholz gemalte Biedermeierminiaturen.

Sonntag fuhr ich mit der Bahn über Mellrichstadt nach Meinigen in Thüringen. Es empfing mich, aus der Bahn ausgestiegen, ein weitläufiger Englischer Garten, der zur Straße hin, mit einem stattlichen klassizistischen Theatergebäude abschloss.(P.S. dieser Garten hatte eine grosse Bedeutung für das Theaterleben des kleinen Herzogtums; wegen der aufwändigen Kulissen waren die Umbaupausen recht lang und so lustwandelte man derweil im Garten mit Scheinruinen, Kirchlein, Teich, Fontäne …). Das Gebäude widmete der Herzog ‘Georg II dem Volke zur Freude und Erhebung’, so die Giebelinschrift. Auch das Schloss Elisabethenburg ist sehenswert, da residierte der eben genannte, und dort wurde in Konkurrenz zum Weimarer Musenhof Friedrich Schiller der Hofratstitel verliehen - dieser war bei der Wolzogen von 1782 bis 1783 untergeschlupft.

Exclusiv war jedoch für mich die Führung im Theatermuseum von Meiningen - wirklich exclusiv, da einzige Besucherin. In Meinigen haben sich durch Zufall 275 Kulissenteile aus der legendären Zeit des Meiniger Theaters, unter der Regie diese besagten Herzogs Georg II, erhalten. Er entwickelte aus dem Laientheater kommend, wichtige Theaterprinzipen für das 19. Jhd, seine Truppe ging auf Europareise - immer die hervorragenden Kulissen in der Eisenbahn dabei. Präsentiert wird mit Beleuchtungseffekten und Musik, eine Szenenkulisse aus dem ‘Käthchen von Heilbronn’ von Heinrich von Kleist. Angestrebt wurden möglichst große naturalistische Effekte - die Kulissen immer aus demselben Atelier in Coburg gefertigt. Es gibt vier hintereinander gestaffelte bemalte Leinwände. Diese sind jedoch, den Motiven entsprechend, ausgeschnitten, auf Netze transparent kaschiert, Licht scheint durch, Fenster scheinen beleuchtet, zartes Geäst von Bäumen oder Pflanzen wird von vorne rosa angeleuchtet - sehr delikat alles.

Zurück in Kissingen begrüßten mich am Kurpark einige moderne Kokotten, in Tüllgardienen-Rokoko, mit lang lockenden Haarteilfrisuren und tanzten und wurden fotografiert zu Bigbandjazz abgewechselt von 80er Schlagern auf der elektronischen Orgel.

Es grüßt für heute die Badereisende

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