Real Stuff

Ich hoffe Ihr seid in Nizza und Luise bald wohlbehalten bei Ihrer Mittelmeerkreuzfahrt angekommen. Ich tummele mich weiter in deutschen Landen auf den „echten“ Spuren des 19.Jhd’s.

Nachtrag zum Rakoczi Fest: die Main Post schreibt: „Fünf Wittelsbacher und 40 000 Gäste beim Rakoczi-Festzu in Kissingen.“ Einige ältere Herrschaften mussten w.g. Hitzschlag von den Sanitätern behandelt werden, es gab auch einige, etwas harmlosere Schlägereinen am Rande – welch eine Überraschung?! – Alkohol war im Spiel.

Die Kurgästin hatte sich derweil an exclusiveren Orten dem 19. Jahrhundert angenähert.

Zunächst  habe ich mir im Georg Schäfer Museum in Schwienfurt die Doppelausstellung ‚Wilhelm Busch und Carl Spitzweg‘ genehmigt. Die Gegenüberstellung gerät in Teilen sehr oberflächlich „Beide waren starke Raucher“, führt jedoch zu einer Schärfung des Blicks zugunsten Spitzwegs. Wilhelm Busch ist in der Kunst wesentlich moderner, er zeichnet Bilderfolgen, also Sequenzen, in denen er bis zum Sarkasmus auserzählt. Z.B. ist eine Bilderfolge der Bergwanderung eines Fräuleins gewidmet – diese ersteigt die Alm im Krenolinenrock – der Widder greift Sie an, am Boden liegend hörnt der Widder das Gestell, anschließend findet der Storch das starre Unterkleid und verwendet es für den Nestbau. Natürlich lustig weil dieses Wochenende einige moderne Krenolinenröcke durch den Kissinger Kurpark spazierten. Es gibt bei Busch die Bildergeschichte, die bis zum Schwarzen Humor führt; so beispielsweise der eingefrorene Junge der im Weckglas, als aufgetautem Wasser mit drei +++ versehen, im Regal endet. Spitzweg, der eindeutig differenziertere Maler, bleibt noch dem ‚Fluchtbaren Augenblick‘ verhaftet; konventionell, statischer. In der Gegenüberstellung wird jedoch der Humor deutlicher und die eigenständige erzählerische Leistung sichtbar. Spitzweg ist viel distanzierter, lebt mehr von der Beobachtung, der Blick ist im 19. Jahrhundert verankert. Immer ist jedoch die Szenerie irgendwie gerade nicht glatt, nicht geschmeidig, nicht propper; der Putz bröckelt ab, der Weg ist schlammig, die Jacke verschlissen u.s.w.

Im Georg Schäfer Museum ist schwerpunktmäßig die Malerei des 19. Jhd’s vertreten, so wurden in der Sonderausstellung nur einige der Spitzwegs aus dem Bestand gezeigt, im Stockwerk darüber fanden sich – welche Überraschung – noch weitere, mindestens 20  kleine, in Öl aud Zigarrenkistenholz gemalte Biedermeierminiaturen.

Sonntag fuhr ich mit der Bahn über Mellrichstadt nach Meinigen in Thüringen. Es empfing mich, aus der Bahn ausgestiegen, ein weitläufiger Englischer Garten, der zur Straße hin, mit einem stattlichen klassizistischen Theatergebäude abschloss.(P.S. dieser Garten hatte eine grosse Bedeutung für das Theaterleben des kleinen Herzogtums; wegen der aufwändigen Kulissen waren die Umbaupausen recht lang und so lustwandelte man derweil im Garten mit Scheinruinen, Kirchlein, Teich, Fontäne …). Das Gebäude widmete der Herzog ‚Georg II dem Volke zur Freude und Erhebung‘, so die Giebelinschrift. Auch das Schloss Elisabethenburg ist sehenswert, da residierte der eben genannte, und dort wurde in Konkurrenz zum Weimarer Musenhof Friedrich Schiller der Hofratstitel verliehen – dieser war bei der Wolzogen von 1782 bis 1783 untergeschlupft.

Exclusiv war jedoch für mich die Führung im Theatermuseum von Meiningen – wirklich exclusiv, da einzige Besucherin. In Meinigen haben sich durch Zufall 275 Kulissenteile aus der legendären Zeit des Meiniger Theaters, unter der Regie diese besagten Herzogs Georg II, erhalten. Er entwickelte aus dem Laientheater kommend, wichtige Theaterprinzipen für das 19. Jhd, seine Truppe ging auf Europareise – immer die hervorragenden Kulissen in der Eisenbahn dabei. Präsentiert wird mit Beleuchtungseffekten und Musik, eine Szenenkulisse aus dem ‚Käthchen von Heilbronn‘ von Heinrich von Kleist. Angestrebt wurden möglichst große naturalistische Effekte – die Kulissen immer aus demselben Atelier in Coburg gefertigt. Es gibt vier hintereinander gestaffelte bemalte Leinwände. Diese sind jedoch, den Motiven entsprechend, ausgeschnitten, auf Netze transparent kaschiert, Licht scheint durch, Fenster scheinen beleuchtet, zartes Geäst von Bäumen oder Pflanzen wird von vorne rosa angeleuchtet – sehr delikat alles.

Zurück in Kissingen begrüßten mich am Kurpark einige moderne Kokotten, in Tüllgardienen-Rokoko, mit lang lockenden Haarteilfrisuren und tanzten und wurden fotografiert zu Bigbandjazz abgewechselt von 80er Schlagern auf der elektronischen Orgel.

Es grüßt für heute die Badereisende

3 Responses to “Real Stuff”

  1. Max Marderstein lobt in dem Buch „Das deutsche Theater im neunzehnten Jahrhnudert“, Leipzuig 1904, auch die
    Meininger ganz besonders – bei denen übrigens der Herzog selbst Regie führte! Hier ein Auszug:
    „Vor allem hat schon die blendende Wirkung der Meininger Vorstellungen im Geschmack des breiten Publikums einen sehr wesentlichen Wandel in der Einschätzung der klassischen Dramen hervorgerufen. Hier kam, wenn auch nicht zum ersten Male, aber durch die Wandergastspiele nun Hunderttausenden vermittelt, das poetische Drama als ein sinnfälliger Organismus, voll Wärme, Licht und Farbe zur Erscheinung, wovon bei der auf den deutschen Bühnen üblichen nüchternen Behandlung, zum SChaden auch der geistigen Bedeutung dieser Schätze, stets abgesehen worden war. […] Daß e sgerade ein solches Säulenstück war, ‚Julius Cäsar‘, das in der Behandlung der Meininger zuerst und überall Wogen der hellen Begeisterung erregte, mag den Unterschied der sonst und nun hier erreichten Eindrücke kennzeichnen. Aber dieser Eindruck ging nicht allein von den blendenden, durch Dekorationen und Kostüme bewirkten Bühnenbildern aus, sondern in höherem Maße noch von der Geschicklichkeit, mit der diese Regiekunst das dramatische Interesse über jene Untiefen und an den Klippen vorbeizuführen verstand, wo sonst entweder jede Illusion vermißt wurde, oder eine nichtgewollte mit unfreiwilliger, parodistischer Wirkung eintrat. Es gab nur ganz wenige deutsche Bühnen, wo größere und bewegte Volksszenen, wo namentlich Schlachtenbilder nicht in grotesker, travestierender Lächerlichkeit umgekommen wären. Der vor der Bahre Cäsars auf dem Forum ausbrechende Volksaufstand, der Rom und die Welt in Brand stecken soll, war, von den zwei Dutzend aus allen Opern und Oeretten jedem Theaterbesucher wohlbekannten, müden Chorherren und Chordamen, unter Mitwirkung einer halben Kompagnie der in der Stadt garnisonierenden Musketiere, die allesamt in geradezu monströse Kostüme gesteckt waren, dargestellt, schlechterdins fast immer als lächerliche Farce erschienen. Es gab keine Vorstellung von Egmont, wo die Wache Albas, wenn sie ehernen Schritts die Straßen Brüssels durchschreitet, daß die Bürger scheu sich in den Häusern verkriechen, im Publikum nicht eine sehr vergnügte Stimmung ausgelöst hätten. Allen solchen Szenen wurde bei den Meiningern ein außerordentliches Maß von Sorgfalt zugewendet, so daß sie fast stets die Illusion erfüllten und nie störten. Statt der in der Routine abgetriebenen Chrositen verwendete die Regie junge und ältere, mit besonderer Rücksicht auf plastische Darstellungsfähigkeit und körperliche Beredsamkeit ausgesuchte Schauspieler, die zu ihren Aufggabenm, auch wenn sie nur aus Statisterie bestanden, streng erzogen waren., Man merkte, daß jeder einenCharakter darzustellen sich bestrebte. Dadurch wurde es erreicht, daß der Chor individualisiert erschien…“

  2. admin sagt:

    Andree schriebt aus Utah
    Hallo Ihr Lieben,
    wir sind nach dem Abschied von Bernd und Beate ; Anja und BAsti im und am Grand Canyony noch zum Bryce CAnyon gefahren, wo es ebenfalls schöne rote Felsen und Bizarre Formationen gibt. Dort tapperten wir einen ganzen TAg durchs Gelände und abends bekamen wir dann noch die Grillweihe, da die Ranger ein kontrolliertes Feuerle zündeln mussten, und daher zwar überall Rauchverbot stand, wir aber mehr als genug eingenebelt wurden.
    Danach sind wir nach Zion Nationalpark gereist, über eine Bergkette mit grandiosen Bildern, im Winter ( da gab es typische Ski hütten ) kann man hier gar nicht durchfahren, da der Pass über 3000 Meter hoch lag, und überall Schneeketten und 4WD vorgeschrieben sind.
    Hier haben wir abends den Pool noch belagert und dann bald nichts mehr zu Essen bekommen, weil alles voll, oder das Servicepersonal nicht mehr in der LAge war, die freien Tische mit zu bedienen.
    Das war ein wenig unangenehm. Aber schließlich ist es uns gelungen noch Lecker zu essen, nur schlief uns der ERik dann um 10 Uhr abends doch noch ein…..
    Naja, gibt schlimmeres.
    Uns geht es gut und bisher ist alles auch prima verlaufen.
    Heute hatten wir noch auf dem Navajo Lake ( ein riesen See ) eine Kanufahrt gemacht und trotz bedeckten Himmel ( und LIegeradfahren) uns oberhalb des KNies, Sonnenbrand eingehandelt….. das war schon ungewöhnlich. Nagut.
    Morgen wandern wir hier durch den ZION Nationalpark und wollen uns angeblich bis zu 800 Meter hohe Felsbrocken anschauen.. mal sehen was der TAg so bringt.
    Euch angenehme TAge,
    Frage an Bernd und Co, wo seid Ihr denn ?
    Und Gibt es noch ein Leimersheim, wo die Trents nun kruscheln ? Kornelia glücklich in Kur ? Franz will nie mehr heim ? In Heimersdorf regent es nur ?
    Herzliche Grüße

  3. admin sagt:

    nachzutragen ist, das ich die Flyer der Varnhagen Gesellschaft + vier Gazzettini + Auszug aus Varnhagens Tagebuch zu seiner letzten Kissing Reise – am Sonntag dem 3. 8. im Bismarck Museum ‚Obere Saline‘ an kompetenter und interessierter Stelle übergeben konnte; man wolle expliziet alle Materialien, da man diese an das Stadtarchiv weitergeben wolle;

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