Archive für 23.7.2008

Es gibt wieder jüdisches Leben in Bad Kissingen

Schon am Samstag in der Wandelhalle unterhielten sich zwei ältere Damen - in etwas schwererer deutschen Zuge; ja sie hätten noch etwas Zeit, der Rabbiner würde kommen, ja sie hätten auch ein hübsches Kleid dabei. Am Sonntag beim Kurkonzert setzt sich zu mir ein ebenfalls älteres Ehepaar; die Frau schielt ununterbrochen auf einen Flyer der “Jüdischen Kulturtage” den ich in der Hand hielt - ich übergab ihn ihr was sie sehr freute - dieses sympathische Ehepaar entsprach in Aussehen und Spache in zauberhafter Weise dem jüdischen Klischee.

Im Hotel ist eine ‘Tamar Deligation’ Kissingen 2008, eine israelische Reisegruppe mit etwa 30 Personen, im Reisbus aus Berlin angekommen und für ein paar Tage hier. (Tamar ist ein biblischer Frauenname, Tamar hieß die Schwiegertochter des Juda, aber auch die Tochter und Enkeltochter des David - mehr weiß ich noch nicht).

Im Jüdischen Gemeindehaus gibt es immer mittwochs Zugang zu einer Dauerausstellung ‘Jüdisches Leben in Bad Kissingen’. Schlicht aber ansprechend gestaltet von Schülern und Lehrern des Gymnasiums in Kissingen. Es heißt wie einer der berühmten jüdischen Kissinger, wie der Pysiknobelpreisträger Jack (Hans Jakob) Steinberger,  der 1921 in Kissingen geboren wurde (Entdecker der Elementarteilchen und Leiter des Laboratoriums für Elementarteilchen beim CERN in Genf (war bei der Namensgebungsfeier selbst anwesend). Der andere berühmte Jude ist Henry Kissenger- zwar 1923 in Fürth geboren, war er jedoch in seiner Jugend öfter zu Besuch bei Verwandten dieses Namens in Kissingen. Die weit verzweigte Faminie geht auf einen Löb aus Kissingen zurück.

Liebevoll virtuell rekonstruiert wird eine historistische “Neue Synagoge” ein imposanter Bau die in den Sommermonaten - durch die zahlreichen jüdischen Badegäste frequentiert - immer gut besucht war. 1875 beträgt der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung 10% , nach der Industrialisierung (1925) immerhin  noch 5%. Es gab eine stattliche Anzahl an jüdischen Geschäften und Kurhäusern, in einer Karte aus den 20er Jahren sind 16 Häuser eingetragen.

Traurige Dokumente von Familien aus denen keiner oder nur wenige überlebten. Stolz wird auch ein Beschwerdebrief von ausländischen Gold- und Juwelenhändlern von 1934 gegen das Badeverbot für Juden im städtischen Schwimmbad dokumentiert.

In einem Raum mit Stühlen und Video Dokumentation gibt sich eine Frau als Tochter eines kissinger Apothekers zu erkennen; sie ist 1938 in Brasilien geboren und der Vater hat immer in den ‘Wochenschauen’ geweint. Sie kommt aus Berlin angereist - findet Kissingen so schön still, ist jedoch ganz blass, sprich mit dünner Stimme und sagt sie sei heute zusammengeklappt; sie kommt mit einer weiteren älteren Dame in’s Gespräch - ebenfalls jüdische Wurzeln, beide Frauen weinen. Zu mir dann sagt die Brasilanerin moderierend ‘ja die meisten haben davon ja nichts gewußt - ich widerspreche und zeige auf die Fotos von SA -Kolonnen, sie fängt sich wieder und lächelt, verabschiedet sich dann - auch von mir.

Ich habe auch schon den sehr gut restaurierten jüdischen Friedhof gesehen, die Schüler dokumentieren auch, das dieser in der Nacht auf den 10.Mai 1994 verwüstet wurde mit Fotos einer vom Gymnasium aus organisierten Gegendemonstration.

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