Archive for Juli, 2008

ganz späte Minne

Dienstag, Juli 29th, 2008

An der Tafel, rechts von mir Frau A aus W., besser gestellte Witwe, mit viel Schmuck und einer ausgewält vornehmen rheinischen Diktion, an der Tafel links von mir das Fräulein aus Bayreuth. Das Fräulein spricht immer so leise beschwert sich Frau A., die sich matronenhaft über Ihre Pfunde mit neuen Kleidern hinwegtröstet ; das Fäulein ist Jahrgang 1920, und schon ziemlich klein und dürr geworden. Ihr gegenüber ein schweigsamer dünner Mann mit einer auffällig roten Nase, obwohl er immer nur Kamillentee trinkt. Das Fäulein hat herausgefunden, das er Jahrgang 1919 sei; und jetzt wundert sie sich fipsend; warum er wohl am Leben; wo alle ihre Bekannten geblieben seien. Der Mann, standhaft schweigend, erzählt mir später, er sei aus Gelsenkirchen; Ich frage Ihn direkt, ob er am Hochofen gearbeitet habe; er sagt er habe 56 Jahre lang in der Gießerei gearbeitet, und leider die Unfälle, und dabei sei auch sein Bein beschädigt worden.

Das Fräulein, schon etwas wackelig in der Knien, hatte von dem Minnesänger Otto von Henneberg-Botenlauben gehört (in der manessischen Liederhandschrift mit 16 Liedern und einer Bildtafel vertreten) – hat sie mal in einem Buch von gelesen. Nun gibt es hier nicht unweit die Burgruine Botenlauben, da wolle sie hinauf. Sie fand einen Bus mit gleichlautender Haltestelle, und wenn der hinunter dann kann ich auch hinauf. Am gleichen Nachmittag war auch die Gästewandergruppe dorthin unterwegs. Unser tapferes Fäulein wurde nun, von besagter Wandergruppe, an der Bushaltestelle abgefangen und ihr wurde von diesen Wanderen, die einigen 100 m über Geröll bis zur Höhe hinaufgeholfen. Es waren nette Leute aus ganz Deutschland, auch Hamburger, ach es war so romatisch dort oben. Abends ist das Fräulein stolz und läßt sich von mir zu einem halben Glas Wein einladen.

Unser Otto von der Botenlauben war verheiratet mit einer Beatrix von Courtenay, die er in Akkon, auf einem Kreuzzug kennenlernte und dort verehelichte. „Ich trage Fesseln, die kein Blick kann schauen. Bezwungen haben sie mir Herz und Sinne, Ihr holder Reiz ist schuld, daß andere Frauen mich zeihn, ich übe nicht die rechte Minne. Doch der Liebe pflege ich nur zu einem Weibe,…“ Die beiden sind hier in der Nähe, in der Klosterkirche von Frauenroth, mit figürlichen Grabplatten im Kirchenschiff begraben – beide haben, wie es so Sitte – niedliche Hündchen zu ihren Füßen herausgemeißelt bekommen (zugetragen hat sich dies alles in der Zeit zwischen 1175 – 1244).

Einen schönen Abend wünscht die Badreisende aus Kissingen

Real Stuff

Montag, Juli 28th, 2008

Ich hoffe Ihr seid in Nizza und Luise bald wohlbehalten bei Ihrer Mittelmeerkreuzfahrt angekommen. Ich tummele mich weiter in deutschen Landen auf den „echten“ Spuren des 19.Jhd’s.

Nachtrag zum Rakoczi Fest: die Main Post schreibt: „Fünf Wittelsbacher und 40 000 Gäste beim Rakoczi-Festzu in Kissingen.“ Einige ältere Herrschaften mussten w.g. Hitzschlag von den Sanitätern behandelt werden, es gab auch einige, etwas harmlosere Schlägereinen am Rande – welch eine Überraschung?! – Alkohol war im Spiel.

Die Kurgästin hatte sich derweil an exclusiveren Orten dem 19. Jahrhundert angenähert.

Zunächst  habe ich mir im Georg Schäfer Museum in Schwienfurt die Doppelausstellung ‚Wilhelm Busch und Carl Spitzweg‘ genehmigt. Die Gegenüberstellung gerät in Teilen sehr oberflächlich „Beide waren starke Raucher“, führt jedoch zu einer Schärfung des Blicks zugunsten Spitzwegs. Wilhelm Busch ist in der Kunst wesentlich moderner, er zeichnet Bilderfolgen, also Sequenzen, in denen er bis zum Sarkasmus auserzählt. Z.B. ist eine Bilderfolge der Bergwanderung eines Fräuleins gewidmet – diese ersteigt die Alm im Krenolinenrock – der Widder greift Sie an, am Boden liegend hörnt der Widder das Gestell, anschließend findet der Storch das starre Unterkleid und verwendet es für den Nestbau. Natürlich lustig weil dieses Wochenende einige moderne Krenolinenröcke durch den Kissinger Kurpark spazierten. Es gibt bei Busch die Bildergeschichte, die bis zum Schwarzen Humor führt; so beispielsweise der eingefrorene Junge der im Weckglas, als aufgetautem Wasser mit drei +++ versehen, im Regal endet. Spitzweg, der eindeutig differenziertere Maler, bleibt noch dem ‚Fluchtbaren Augenblick‘ verhaftet; konventionell, statischer. In der Gegenüberstellung wird jedoch der Humor deutlicher und die eigenständige erzählerische Leistung sichtbar. Spitzweg ist viel distanzierter, lebt mehr von der Beobachtung, der Blick ist im 19. Jahrhundert verankert. Immer ist jedoch die Szenerie irgendwie gerade nicht glatt, nicht geschmeidig, nicht propper; der Putz bröckelt ab, der Weg ist schlammig, die Jacke verschlissen u.s.w.

Im Georg Schäfer Museum ist schwerpunktmäßig die Malerei des 19. Jhd’s vertreten, so wurden in der Sonderausstellung nur einige der Spitzwegs aus dem Bestand gezeigt, im Stockwerk darüber fanden sich – welche Überraschung – noch weitere, mindestens 20  kleine, in Öl aud Zigarrenkistenholz gemalte Biedermeierminiaturen.

Sonntag fuhr ich mit der Bahn über Mellrichstadt nach Meinigen in Thüringen. Es empfing mich, aus der Bahn ausgestiegen, ein weitläufiger Englischer Garten, der zur Straße hin, mit einem stattlichen klassizistischen Theatergebäude abschloss.(P.S. dieser Garten hatte eine grosse Bedeutung für das Theaterleben des kleinen Herzogtums; wegen der aufwändigen Kulissen waren die Umbaupausen recht lang und so lustwandelte man derweil im Garten mit Scheinruinen, Kirchlein, Teich, Fontäne …). Das Gebäude widmete der Herzog ‚Georg II dem Volke zur Freude und Erhebung‘, so die Giebelinschrift. Auch das Schloss Elisabethenburg ist sehenswert, da residierte der eben genannte, und dort wurde in Konkurrenz zum Weimarer Musenhof Friedrich Schiller der Hofratstitel verliehen – dieser war bei der Wolzogen von 1782 bis 1783 untergeschlupft.

Exclusiv war jedoch für mich die Führung im Theatermuseum von Meiningen – wirklich exclusiv, da einzige Besucherin. In Meinigen haben sich durch Zufall 275 Kulissenteile aus der legendären Zeit des Meiniger Theaters, unter der Regie diese besagten Herzogs Georg II, erhalten. Er entwickelte aus dem Laientheater kommend, wichtige Theaterprinzipen für das 19. Jhd, seine Truppe ging auf Europareise – immer die hervorragenden Kulissen in der Eisenbahn dabei. Präsentiert wird mit Beleuchtungseffekten und Musik, eine Szenenkulisse aus dem ‚Käthchen von Heilbronn‘ von Heinrich von Kleist. Angestrebt wurden möglichst große naturalistische Effekte – die Kulissen immer aus demselben Atelier in Coburg gefertigt. Es gibt vier hintereinander gestaffelte bemalte Leinwände. Diese sind jedoch, den Motiven entsprechend, ausgeschnitten, auf Netze transparent kaschiert, Licht scheint durch, Fenster scheinen beleuchtet, zartes Geäst von Bäumen oder Pflanzen wird von vorne rosa angeleuchtet – sehr delikat alles.

Zurück in Kissingen begrüßten mich am Kurpark einige moderne Kokotten, in Tüllgardienen-Rokoko, mit lang lockenden Haarteilfrisuren und tanzten und wurden fotografiert zu Bigbandjazz abgewechselt von 80er Schlagern auf der elektronischen Orgel.

Es grüßt für heute die Badereisende

Von der Schwierigkeit künstlerischer und historischer Rekonstruktion des 19. Jahrhunderts

Freitag, Juli 25th, 2008

Auch Umzüge in historischen Kostümen sind solche historische Kulissenschieberei; wie Schützen- und Volksfeste die ich als Jugendliche emotional ablehnte, weil hier in historisch angelehnter Tracht so gespielt wird, als sei die Rezeption des 19. Jahrhunderts trotz Antsemitismus unverbrüchlich möglich.

Das Fest hier in Kissingen bedient in gigantischer Weise das Klischee der ‚Guten Alten Zeit‘, das nichts will, außer einer süßen Stimmung zu verbreiten ‚um den Betrachtern das denkende Urteil zu ersparen‘. Meinen derzeitigen Gedankengängen entsprechend, fand ich in der heutigen Frankfurter Allgemeinen einer sehr lesenswerten Artikel, von Dietmar Dath geschrieben,  zu dem Comic „Judenhass“ von Dave Sim. Hier wird etwas ausgehandelt, was sich bis heute als nur schwer zu lösen erweist. Weiter im Artikel und mit den Worten des Zeichers: Der Massenmord zerreißt „die Menbran der moralischen Intuition, durch die das Bewusstsein meines Publikums Fakten wie die von der Judenvernichtung aufnehmen will, um sie zu bewerten.“ Wie versucht der Zeichner Dave Sim dieses Dilemma aufzulösen? Er tritt scheinbar die Flucht nach vorne an, er bevorzugt in Schwarz-Weiß den fotorealistischen Comic-Stil. Und weiter Zitat aus dem Artikel von Dietmar Dath : „Gegen die Nazipolitik der Aussonderung, Einzäumung und Ermordung setzt Sim die grafische Verdeutlichung aller Verbindungen zwischen dem Jüdischen und dem Nichtjüdischen die sein Medium ihm bereitstellt.“

Leider war ich gestern und heute zu optimistisch bezüglich der ‚PR-Arbeit‘ für die Varnhagen Gesellschaft. Nachdem mir ein Kur-Mitarbeiter das Auslegen der Flyer heute am Vormittag genehmigte, waren alle Flyer (4 Stück) und noch 6 Kopien verschwunden. Bei den anderen Prospekten hatte sich nichts verändert, so fragte ich einen weiteren Mitarbeiter – „Ja da dürfen Sie nichts auslegen – da müssen Sie um Genehmigung beim Kulturdirektor ersuchen.“ Als zuständig erwies sich dann eine Frau Büttner – im Dirndel. „Für ihre Kurgäste ist das nix, das wisse Sie genau, Sie mache jetzt jahrelang, die Kulturarbeit für das Staatsbad … Und ich solle das ruhig irgend wohin schreiben.

Jetzt werde ich vermutlich zwei Tage außerhalb des Staatsbades verbringen und je nach Wetterlage zuerst einen Hochröhn-Ausflug und dann eine Reise nach Aschaffenburg unternehmen, um mir die Doppelausstellung Spitzweg/Busch anzusehen. Der Klischee-Kulisse bin ich jedenfalls überdrüssig, obwohl ich noch keine Festkostüme selbst gesehen habe, nur Fotos des vorausgegangenen Jahres,  gibt es in den Schaufenstern eines Hutmachers entsprechende historische Roben zu bestaunen, dort erfragte ein Ehepaar nach dem Zylinderverleih für den Ball u.s.w. . In der Gründerzeitvilla des Schlosses Aschach habe ich mir gestern ein nettes lichtblaues Biedermeierkostüm ausgesucht – nicht bodenlang, sondern wadenlang geschnitten – damals konnte Frau noch ausschreiten – später kam dann wieder der Schnürleib und der Ausstaffierte Po.

Vorbereitungen für das Rakocy Fest

Freitag, Juli 25th, 2008

Die Badegästin hat sich in der Zwischenzeit kurz in eine PR- Frau für die Varnhagen Gesellschaft verwandelt. Vom Vorsitzenden in Köln mit Flyern ausgestattet, die mit einem aktualisierenden Kleber versehen werden (Varnhagen Aufenthalte in Kissingen) konnte Sie; auch in Absprache mit einem Angestellten der Kurbetriebe den Vereinsprospekt an prominenter Stelle in der Trinkhalle positionieren.  Eine Probeverteilung am gestigen Abend erbrachte, das er lebhaft nachgefragt wird – alle ausgelegten 6 Flyer waren abgegriffen. So konnte ich am Vormittag einen netten Comuterladen auftuen, der mir Vorder- und Rückseite des Flyers in Farbe für 10 Cent druckt – ich beauftragte also nochmals den Druck von 20 Flyern, die ich dann nach und nach mit den noch verbleibenen Originalflyern in den nächsten Tagen verteilen werde.

Das Rakocy – Fest scheint ein grosser Maskenball im Sommer zu sein; mit gemischten Gefühlen lese ich in einer Vorankündigung der Bartclub Gründau-Steinau hat im Festzug auch einen Bartträger in jüdischer Tracht als Festumzugsteilnehmer; es gibt Schnurrbärte in königlich-bayrischer Uniform, in königlich-kaiserlicher Uniform und markante Kinnbärte in der Uniform eines Musketiers.

Liebe Grüße die Badreisende bis dahin

PS. Wer sich das Ganze im Fernsehen ansehen möchte; erstmals wird das Bayrische Fernsehen im Dritten Programm den Festumzug am Sonntag live übertragen. 

Es gibt wieder jüdisches Leben in Bad Kissingen

Mittwoch, Juli 23rd, 2008

Schon am Samstag in der Wandelhalle unterhielten sich zwei ältere Damen – in etwas schwererer deutschen Zuge; ja sie hätten noch etwas Zeit, der Rabbiner würde kommen, ja sie hätten auch ein hübsches Kleid dabei. Am Sonntag beim Kurkonzert setzt sich zu mir ein ebenfalls älteres Ehepaar; die Frau schielt ununterbrochen auf einen Flyer der „Jüdischen Kulturtage“ den ich in der Hand hielt – ich übergab ihn ihr was sie sehr freute – dieses sympathische Ehepaar entsprach in Aussehen und Spache in zauberhafter Weise dem jüdischen Klischee.

Im Hotel ist eine ‚Tamar Deligation‘ Kissingen 2008, eine israelische Reisegruppe mit etwa 30 Personen, im Reisbus aus Berlin angekommen und für ein paar Tage hier. (Tamar ist ein biblischer Frauenname, Tamar hieß die Schwiegertochter des Juda, aber auch die Tochter und Enkeltochter des David – mehr weiß ich noch nicht).

Im Jüdischen Gemeindehaus gibt es immer mittwochs Zugang zu einer Dauerausstellung ‚Jüdisches Leben in Bad Kissingen‘. Schlicht aber ansprechend gestaltet von Schülern und Lehrern des Gymnasiums in Kissingen. Es heißt wie einer der berühmten jüdischen Kissinger, wie der Pysiknobelpreisträger Jack (Hans Jakob) Steinberger,  der 1921 in Kissingen geboren wurde (Entdecker der Elementarteilchen und Leiter des Laboratoriums für Elementarteilchen beim CERN in Genf (war bei der Namensgebungsfeier selbst anwesend). Der andere berühmte Jude ist Henry Kissenger- zwar 1923 in Fürth geboren, war er jedoch in seiner Jugend öfter zu Besuch bei Verwandten dieses Namens in Kissingen. Die weit verzweigte Faminie geht auf einen Löb aus Kissingen zurück.

Liebevoll virtuell rekonstruiert wird eine historistische „Neue Synagoge“ ein imposanter Bau die in den Sommermonaten – durch die zahlreichen jüdischen Badegäste frequentiert – immer gut besucht war. 1875 beträgt der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung 10% , nach der Industrialisierung (1925) immerhin  noch 5%. Es gab eine stattliche Anzahl an jüdischen Geschäften und Kurhäusern, in einer Karte aus den 20er Jahren sind 16 Häuser eingetragen.

Traurige Dokumente von Familien aus denen keiner oder nur wenige überlebten. Stolz wird auch ein Beschwerdebrief von ausländischen Gold- und Juwelenhändlern von 1934 gegen das Badeverbot für Juden im städtischen Schwimmbad dokumentiert.

In einem Raum mit Stühlen und Video Dokumentation gibt sich eine Frau als Tochter eines kissinger Apothekers zu erkennen; sie ist 1938 in Brasilien geboren und der Vater hat immer in den ‚Wochenschauen‘ geweint. Sie kommt aus Berlin angereist – findet Kissingen so schön still, ist jedoch ganz blass, sprich mit dünner Stimme und sagt sie sei heute zusammengeklappt; sie kommt mit einer weiteren älteren Dame in’s Gespräch – ebenfalls jüdische Wurzeln, beide Frauen weinen. Zu mir dann sagt die Brasilanerin moderierend ‚ja die meisten haben davon ja nichts gewußt – ich widerspreche und zeige auf die Fotos von SA -Kolonnen, sie fängt sich wieder und lächelt, verabschiedet sich dann – auch von mir.

Ich habe auch schon den sehr gut restaurierten jüdischen Friedhof gesehen, die Schüler dokumentieren auch, das dieser in der Nacht auf den 10.Mai 1994 verwüstet wurde mit Fotos einer vom Gymnasium aus organisierten Gegendemonstration.

Lästerbank

Dienstag, Juli 22nd, 2008

Nätürchlich habe ich gestern auf der Lästerbank im Kurpark gesessen- und zum Ausgleich stelle ich mich heute dem Lästern und Spotten zur Verfügung indem ich meinen Kur- Tagesdablauf schildere: Kommentare dann später.

Der Wecker klingelt um 6.20 Uhr – meist bin ich jedoch schon gegen 6.00 Uhr wach, weil ich nicht abgedunkelt schlafe und deshalb das Tageslicht mich schon geweckt hat. Dann beginne ich den Tag mit Meditation und einigen Yogaübungen; ich habe bisher geübt: Die Schwalbe, Das zusammengerollte Blatt, Die Berghaltung und die Tibetanischen Niederwerfungen; vor allem Letztere kann ich nach dem 3. Mal schon flüssiger. Alternativ dazu habe ich aus dem Qigong angefangen ‚Die Acht Brokaten‘ zu üben. Ich denke ich werde jetzt mit diesen beiden Bewegungsübungen abwechselnd den Tag beginnen.

Ab 8.00 Uhr Frühstück – ich habe jetzt dem netten Fräulein beigebracht das ich ohne Aufforderung einen Kaffee an meinen Platz gestellt bekomme; ansonsten buffettförmig mit Vollkornbrötchen, Obst, Quark – manchmal einer Scheibe Schinken oder einer Scheibe Käse. Dann packe ich mir – ganz gegen jede Hoteletikette einen Proviantteller für Mittag (wieder ein Vollkornbrötchen und zwei Stück Obst – Apfel und/oder Banane und/oder Kiwi und/oder Birne.

Dann habe ich wechselnd – einen über den anderen Tag entweder frei bis 10.30 oder so ein H2O-Sprudelbad mit Melisse (lockert die Muskeln – wie Wirlpool) und schadet nicht. Dann oder vorher schwinge ich mich mit meinen Stöcken in den Kurpark zum Walken – auch ziehe ich mitlerweile größere Runden Richtung Salinental – heute in den Wald hoch – wo ich Mittfünziger begegnet bin, der ebenfalls walkend mit Hund und Musik am Ohr meinte mein Stil sei schon o.k. – nur noch mehr Gelenkeinsatz mit den Händen und mit Überschuh für die Stöcke empfohlen, damit ich nicht so abrutsche und nicht so ein entsetztliches Klappergeräusch mache; (die Männer haben immer etwas technisches am Sport- was sie interessiert). Dann zurück über den Kurpark zum mediteranen Wassertretbecken – wirklich ordentlich kalt – und die Füße hinterher in der Luft trocknen lassen.

Alle zwei Tage habe ich denn gegen 11 Massage und hinterher eine Fangopackung für den Rücken. Ein irgendwie muskelbepackter Masseur unbestimmten mittleren Alters macht eine luschige Rückenmassage und ist schrecklich depressiv – immer schlimmer – auch in Zukunft – die Leute werden immer älter – nur noch Aufzüge, früher kamen die Rentner noch Treppen hoch u.s.w..

Dann habe ich Mittagspause mit meinem Picknick auf dem Zimmer – Frau L. aus Bad Cleve wird wissen, das ich das liebe – und hierzu mache ich mir mit dem mitgebrachten Wasserbereiter einen Tee – nett nicht!

Ab 14.00 beginnt das Nachmittagsprogramm. Bisher gab es entweder kleine oder größere Wanderungen (geführte Gästewanderung oder mit Kur-Bekanntschaft selbständig unternommen, Fahrradtour oder Bahnenschwimmen in einem Freibad (24 Grad Wassertemeratur) und einmal Thermenlandschaft mit Saunagarten. Ab und an ist bei den Wanderungen eine Kaffee und Kuchenpause drin. Wenn ich Lust habe gehe ich zurück über den Kurpark und trinke von den besagten Quellen meine Portion. Um 18.00 Abendessen – meist warm, machmal als Buffett. Ich muss dem Koch noch beibringen das ich das Essen nicht so schrecklich versalzen mag – ich habe noch, im Unterschied zu den 70-80jährigen entwickelte Geschmacksnerven. Dann wieder hinunter in den Kurpark wo es fast jeden Abend Kurkonzerte giebt- das kann ich mir aber nur eine weile anhören – seichtes Operettenrepertoir – das Saal ist mit ca 300-400 Menschen gänzlich voll und leider von einem bömischen Orchester schrecklich verschliffen (Kaufhausmusik – zwischendurch merke ich, das die Musiker tatsächlich spielen können). Dann Lesesaal (aus dem 19.Jhd; geschmackvoll modernisiert) mit ca 50 Tageszeitungen – auch den Kölner Stadtanzeiger und Internet. In der Dämmerung einen kleinen Abendspaziergang und dann in’s Bett. Die Madame de Stael-Biografie von Christpher Herold – schon lange angefangen – habe ich noch nicht ausgelesen – bleibt aber unterhaltsam und spannend. 

Zum Ablästern freigegeben wünscht die Kurgästin noch einen schöne weitere Woche;

ich jedenfalls habe noch einiges zu berichten – da morgen nun tatsächlich jüdische Kulturtage stattfinden – eine israelische Deligation ist heute abend in unserem Hotel angekommen – und die Festveranstaltungen=Rakocyfest am Donnerstag beginnen werden.

Liebe Grüße

Soap und Krimi am Abend gespart

Montag, Juli 21st, 2008

Was die anderen Badegäste freiwillig erzählen ersetzt ganze Krimis und Vorabendprogramme. Ich bekam zweimal innerhalb zweier Tagen das halbe Leben erzählt + die Schrecknisse der letzten Woche. Frau A. aus W. bei Bad A., Gattin eines Kaufmanns mit Sohn und Schwiegertochter, Gatte verstorben – Sohn führt mit Schwiegertochter das Unternehmen weiter, wohnt in alleinstehendem Flachdachhaus – immer Ärger mit den Dachrinnen – das Nachbarsehepaar beaufsichtigt und pflegt das Haus – ich will auch nicht das die das ganz umsonst machen – die kriegen eine Kleinigkeit von mir dafür…. Letzte Woche war in der Firma eingebrochen worden – ich habe kein Auge mehr zugemacht – alles immer stängig vor mir gesehen; Handel mit Import und Weiterverkauf von Booten (kleine und mittlere Yachten) Hallo bei Aachen? – Welche Geschäftsidee. Bei dieser Firma waren die Werkstore nachts aufgebrochen worden, mit LKW aufs Gelände und zwei wertvolle Schiffsmotoren gestohlen – gezieltes und vorbereitetes Vorgehen. Es wurde eine Plastiktasche aus Litauen gefunden. Die blonde Frau kann das Geschehen nur beschreiben – keine inneren Möglichkeiten zur Refelxion.

Heute bei kleiner Wanderung, Regen und anschließendem Kaffee geht Frau S. aus B ihr norddeutsches Temerament durch und unterhält ohne Luftholen den Tisch; wir wissen später alles von der Last-Minute Buchung über Zugunterbrechung in Hannover, der Mann hat die Badehose vergessen, am Morgen gab es einen Presslufthammer am Balkon nebenan – bis zum letzten Damenkegelclub-Ausflug nach Bremen in’s Hilton – auch so ein Spezial-Angebot… Sie wissen schon über’s Wochenende…. Und beinahe in Schlappen und Bademantel, im Hilten in den Frühstücksraum, weil…  die Freundin mit der Zimmerkarte nicht gefunden – dann doch im Aufzug mit nassen Haaren, aus dem hoteleigen Schwimmbad kommend, zufällig begegnet …  

Unterhaltsame Tage wünschend grüßt die Badreisende nach Bad Cleve und nach Hessen und nach Köln.

Spielbank

Sonntag, Juli 20th, 2008

Na, ja Spielbank  heißt ja eigentlich, die Bank gewinnt. Es war schon erschütternd diese vielen Jettons immer zugunsten der Bank zusammengeschoben zu sehen. Es war an einem Sonnabend reger Betreib – ernste junge Leute, die sich die Regeln erklären ließen – ich auch; jetzt habe ich eine Drehscheibe in der Hand mit der ich mir ausrechnen kann mit welchen kombinierten Einsätzen ich welche Gewinnchance habe (von einfach , zweifach bis17 fach und 35 fach). Die hohen Räume sind im Empire-Stil dekoriert, hohe Fenster zum Park, ein dicker, pentrant roter Teppich dämpft die Geräusche, es gibt seit diesem Jahr Rauchverbot. Einzelne Spieler mit Kladden oder Notizzetteln halten ihre Einsätze fest. Ein insgesamt originelles Publikum, ältere Ehepaare, die das Spiel scheinbar als Hobby betrachtend sich den Stand – es läuft derzeit gut – gegenseitig mitteilen. Es gibt die verbissen dreinblickenden jüngeren und älteren Damen, zauselige Herren in zerknautschten Anzügen und mittvierziger mit Punkfrisur. Im Spielrausch am Tisch werden Geldscheine gegen Chips eingetauscht und verschwinden in einem mit Plexiglas kaschierten Schlitz. Auf Leuchtziffern-Displays wird die Reihenfolge der letzten Gewinnzahlen angezeigt (wenn ich 14 spielen will und diese gerade gefallen ist dann jetzt nicht auch auf diese Zahl setzen – alles Zahenmagie?!) Es gibt lustige, coole junge Leute, einer mit Sonnenbrille – hat ein Mädel dabei, die im Hintergrund Geld zählt, die Einsätze notiert und natürlich warten muss. Zwischendurch gibt es hektische Getränkebestellungen – schnell raus – dann Bier gezapft lassen – ist das meins- heruntergestürzt – dann wieder zum Spieltisch. Für Roulett interessieren sich die meisten, es gibt aber auch Poker-Tische. Die ‚Leihen‘ (Kurgäste; Gelgenheitsspieler) erkennt man sofort, ich sehe die Entscheidung zum Setzen sich in den Gesichtern abzeichnen.  Vorher, mit Pausen, lauerndes Überlegen, Körpersprache keck, unruhig, angespannt … je nach Laune; die Chips zwischen den Händen hin- und her abzählend. Männer manchmal rabauziger, mutiger, mit Kumpel, rote Köpfe, wiegen sich von einem Bein auf das andere. Wechsel zwischen den Tischen, aber eigentlich flaniert niemand; die meisten beißen sich an einem Tisch fest, haben hier ihr Publikum, beziehen hier den Coupier in ihr Schicksal mitein; diese sind gut drauf – aber immer konzentriert. Eigentlich keine coole Stimmung; anregend und unterhaltsam für die Beobachterin. Einen schönen Abend wünsche ich diesmal von hieraus und bis bald – die Badreisende in Kissingen

Spaziergänge im 21. Jahrhundert

Samstag, Juli 19th, 2008

Der Kommentar von MixedPuecker und das Damenconversations-Lexikon von 1836 beschreiben ganz trefflich den hiesigen Kurbetrieb. Nur wird das Spazierengehen von den etwas kräftigeren Badegästen durchaus exzessiver betrieben. Zunächst ginge ich heute gegen 8.30 hinaus in meinen Saunagarten (Kissalistherme) und hatte diesen bis etwa 11.00 im Wesentlichen für mich – etwas Baden im Thermalwasser – Rückwanderung, leichtes Mittagessen (Brot und Apfel mit Tee). Um 14.30 Treffen mit Frau M. aus K.. In ihr hatte ich meine Konditionstrainerin getroffen – sie nahm mich mit auf Ihre Joggingstrecke – die wir zügig erwanderten, ca 3/4 Stunde Steigung. Ziel ein kleiner Gasthof  „Klaushof“ mit angeschlossenem Wildpark. Dort erwischte uns ein ergiebiger Regen; netter Plausch mit Apelschorle, Käsekuchen und Kaffee – nach zirka 1 Std. zurück, begleitet von Schauern, es ist mild und warm – dann Abendessen mit warmem Schinkenbraten. Gleich werde ich mich mit Frau M. treffen und Sie ins Spielkasino begleiten. Ich weiss nicht, ob ich davon berichtet habe, aber Ende nächster Woche findet hier das ‚Rakocy-Fest‘ statt, mit historischen Kostümen und Darstellern aus der Kurgeschichte – später davon mehr – und mehr zu der Biedermeierkulisse hier.

Nun zu Frau L. , ihr möchte ich nach Bad Kleve berichten, das der Kurpark aus Kissingen einer der schönsten in Deutschland ist – er ist tatsächlich mit freundlicher Unterstützung durch den Freistaat Bayern ein Genuss – wer ihn bewundern möchte unter http://www.park-im-kurort.de

Liebe Grüsse für heute und natürlich berichte ich aus der Spielbank

ihre Badereisende

Kur als Massenbetrieb

Freitag, Juli 18th, 2008

Die Generation 50 plus hat Bad Kissingen noch nicht so recht erreicht – der Ort ist geprägt von der Generation 70 plus mit den entspechenden Gebrästen; d.h. der Rollator ist das Standartgefährt. Sobald ein Urlauber sich etwas sportlicher bewegen kann, z.B. mit Rad, sich joggend oder auf Schusters Rappen durch die landschaft bewegt wird es traumhaft einsam. Für alleinreisende Damen gibt es dreimal in der Woche das Angebot zur Wanderung. Heute auf den Altenberg – mit Sisi Denkmal, Aussichtsplattform und zauberhaftem Tempelchen = Walhalla (alles aus dem 19. Jhd) habe ich vier der Damen von der Wanderung am Mittwoch wiedergetoffen; lustige Unterhaltung mit pensionierter Grundschullehrerin aus Herford (Provinzstadt), die ganz stolz auf ihr Museum Martha ist – und natürlich haben wir darüber diskutiert wie wir Schule besser machen würden.  Mit einer jüngeren Frau  – ebenfalls aus Köln, 40 plus, bin ich jetzt am Samstag Mittag zu einer Wanderung verabredet – sie war schon mehrmals hier in Kissingen und gönnt sich den Aufenthalt als Urlaub wegen Arthrose – joggt aber morgends – während ich walke. Das ist übrigends hier ein Geheimtipp für emotional bedürftige Männer unter 70 Jahre.